In der Praxis sehen wir bei österreichischen KMU regelmässig dieselben Fehler. Keiner davon ist schwer zu beheben — aber keiner verschwindet von selbst.
Fehler 1: „Wir haben einen Tool-Report — das genügt." Nein. Automatisierte Tools (Axe, Lighthouse, WAVE) finden rund 30–40 % der WCAG-Verstösse. Die restlichen 60–70 % — Logik-Fehler, schlechte Screenreader-Erfahrung, fehlerhafte Tastatur-Navigation — finden nur manuelle Tests. Ein Tool-Report ist ein Einstieg, kein Nachweis.
Fehler 2: „Grauer Text sieht besser aus." Zu wenig Kontrast ist eine der häufigsten und am leichtesten zu behebenden Barrieren. Texte auf hellgrauem Hintergrund, weisser Text auf hellblauem Hintergrund — das scheitert regelmässig an der 4,5:1-Anforderung. Die Lösung ist in CSS ein Farbwechsel: eine Aufgabe von Minuten, nicht Tagen.
Fehler 3: „Formular-Labels sind visuell vorhanden." Visuelle Labels, die nur per CSS positioniert sind, aber nicht im HTML-Code mit dem Eingabefeld verbunden sind, sind für Screenreader unsichtbar. Das richtige Muster ist <label for="feldname">Bezeichnung</label><input id="feldname"> — ohne diese Verbindung spricht der Screenreader „edit" oder den Feldnamen, nicht die Bezeichnung.
Fehler 4: „Alte Inhalte sind von Übergangsfristen geschützt." Stimmt für Bestandsinhalte, die vor dem 28.06.2025 erstellt wurden. Stimmt nicht für neue Funktionen, die nach diesem Datum hinzugefügt wurden. Und: Übergangsfristen schützen vor Bußgeldern, nicht vor Beschwerden. Ein funktionierender Beschwerdemechanismus signalisiert, dass Sie aktiv an Compliance arbeiten — das ist Behörden gegenüber viel wertvoller als eine Bestandsinhalte-Ausrede.
Fehler 5: „Wir bauen Websites für Kunden, aber Barrierefreiheit ist nicht im Scope." Das ist ein Haftungsrisiko für Agenturen. Wenn ein Auftraggeber eine nicht-konforme Website erhält und dafür ein Bußgeld kassiert, wird er sich fragen, warum die Agentur ihn nicht informiert hat. Barrierefreiheit gehört seit Juni 2025 in den Standard-Scope jedes Web-Projekts.
„Wir haben in 2025 mehr als zehn Websites auditiert, die nach der BaFG eigentlich compliant sein müssten. Im Durchschnitt fanden wir 40 bis 80 Verstösse pro Website — die meisten davon behebbar in einem einzelnen Sprint."
Ing. Mag. Günter Omer, tablegray services gmbh